Geistliches Leben der Oblaten


Das geistliche Leben der Benediktineroblaten ist bestimmt durch das Evangelium Jesu Christi und die Überlieferung des benediktinischen Mönchtums. Durch Eucharistiefeier und Stundengebet nimmt der Oblate in dem ihm möglichem Maß am Opfern und Beten der klösterlichen Gemeinschaft teil und ist ihr dadurch in besonderer Weise verbunden. Inneres Beten und geistliche Lesung, besonders der Heiligen Schrift, nehmen im Leben des Oblaten einen bevorzugten Raum ein.

Der Weg zu Gott wird für den Oblaten durch das siebte Kapitel der hl. Regel vorgezeichnet. Er führt über den Wandel in der Gegenwart Gottes und die Erfüllung seines Willens nach dem Vorbild des Gekreuzigten hin zu jener Liebe, die die Furcht vertreibt und die Freude am Heiligen Geist schenkt.

Der Weg läßt ihn im Geist des Gehorsams seine täglichen Aufgaben in Familie und Beruf, Kirche und Gesellschaft und jeden Dienst am Nächsten als Gottesdienst erkennen. Er soll mehr bestrebt sein, das Gewöhnliche gut zu tun, als das Außergewöhnliche zu suchen. Anspruchslosigkeit und Einfachheit der Lebenshaltung sind Zeugnis jener inneren Freiheit, zu der das Evangelium Jesu Christi führen will. In dieser Freiheit gebraucht er, was er besitzt, und läßt diejenigen daran teilnehmen, die seiner Hilfe bedürfen.


(aus: Unter der Führung des Evangeliums - Handbuch für Benediktineroblaten
Nr. 12 der Satzung; herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft Benediktineroblaten für den deutschen Sprachraum)


Das geistliche Fundament eines Benediktineroblaten

(Eine überarbeitete Fassung des gleichnamigen Artikels aus der Festschrift "Von der Liebe nicht lassen. 100 Jahre Oblatengemeinschaft von St. Ottilien." EOS-Verlag St. Ottilien 1998. Von P. Claudius Bals OSB. Mit freundlicher Genehmigung des Autors)


Das Kloster als religiöses Zentrum

Wo immer Klöster errichtet wurden, haben sich schon zur Bauzeit Helfer, Förderer und Freunde gefunden. Sie blieben oft ein Leben lang dem Kloster freundschaftlich verbunden. Stätten des Gebetes werden geschätzt und als Ort der Gotteserfahrung aufgesucht. Vielen Gläubigen, die in verschiedenen Verpflichtungen des Lebens stehen, ist es ein Anliegen, tiefer mit einem solchen Ort und der bestehenden religiösen Gemeinschaft in Verbindung zu stehen, um ihren Glauben in einer intensiveren Form leben zu können. Darum entstanden mit dem abendländischen Mönchtum vielgestaltige Formen von Gemeinschaften, die sich einem Orden oder einem Kloster anschlossen. So entstanden auch Oblatengemeinschaften. Wenn auch heute das Bedürfnis nach solchen Gemeinschaften vorhanden ist, dann hat das zunächst bestimmt seinen Grund in dem allgemeinen Anliegen, religiös irgendwo beheimatet zu sein, aber auch in den aktuellen Umständen unserer Zeit selbst.


Ein in Gott geordnetes Leben

Wer das Verlangen zu einem intensiveren Glaubensleben in sich spürt, wird bald die Erfahrung machen, dass er hierfür einen bestimmten Rahmen und eine gewisse Ordnung braucht. Allein der gute Vorsatz, die Beziehung zu Gott lebendiger und reicher zu pflegen, wird bald wieder im Sande verlaufen. In einem Kloster bietet der gleichmäßige Rhythmus des Tages die Grundlage für geregelte Gebetszeiten. Den Tagzeiten, frühmorgens, mittags und abends entsprechend sind die Gebete ausgerichtet und geformt. So ist der Tag vor Gott geordnet. Zugleich aber ordnet das Chorgebet das Leben des Mönches. Denn die Psalmen des Alten Testamentes, bis zu viertausend Jahre alt, sind Texte voller Weisheit und Gottvertrauen, in denen das Leben vor Gott zur Sprache kommt. In ihnen wird das Leben ins Gebet genommen: Glück und Leid, Tugend und Sünde, Hoffnung und Angst, einfach alles menschliche Denken und Fühlen. So wie das Leben in seinen Höhen und Tiefen spielt, darf es vor Gott freimütig ausgesprochen werden. Wer so grundehrlich vor Gott tritt, wird erfahren, dass Gottes heilende Liebe auf sein Leben scheint. Freude und Jubel werden erstrahlen in ihrer grenzenlosen, himmlischen Beglückung. Der Trauer wird mehr und mehr der Schleier genommen. Zorn und Hass weichen zurück. Zweifel und Schuld erhellen sich im geschenkten Erbarmen Gottes. Im Licht Gottes darf der Mensch seine Ewigkeitswerte erkennen und zugleich immer neu Heilung erfahren. Das ist der Raum der Gnade, in dem der Mönch täglich neu seine Mitte und seinen Halt findet. In ihm wird Versöhnung zum Dank und Heilung zum Lob.

Diese Sehnsucht nach Harmonie mit Gott, mit den Mitmenschen und mit sich selbst ist eigentlich jedem Menschen zutiefst ins Herz gelegt. Dieser Sehnsucht auch außerhalb eines Klosters nachzugehen, sie ernst zu nehmen und daraus das eigene Leben zu gestalten, ist der tiefste Grund, warum sich Menschen an eine klösterliche Lebensform anschließen. Aus diesem Grund heraus ergibt sich, dass es beim Oblatentum zunächst nicht um die Einhaltung der monastischen Gelübde geht, sondern um ein in Gott geordnetes und gefestigtes Leben. Das heißt, dass das Oblatentum selbstverständlich für jeden Stand, auch für Verheiratete, offen ist. Inwieweit die geistige Grundhaltung, die in der Regel des hl. Benedikt in vielen Darlegungen und auch in den Gelübden zum Ausdruck kommt, in das persönliche Leben einfließen kann, ist Sache des einzelnen Oblaten. Die geistliche Begleitung des Oblatenrektors dient dieser Aufgabe. Ihm wird es ein Anliegen sein, die typische benediktinische Spiritualität den Oblaten nahe zu bringen.


Zwei fundamentale Weisen benediktinischer Lebensform:

1. Von der Weisheit des Maßes angesichts einer maßlosen Zeit

Aus der tiefen Lebensweisheit des hl. Benedikt seien zwei besonders wichtige Erkenntnisse in aktuellen Bezug zu unserer Zeit gesetzt. Sie können für die Oblaten aber auch für jeden interessierten Menschen zu einem hilfreichen Wegweiser durch manche Fragwürdigkeiten unserer Gesellschaft werden. Wir leben in einer Zeit, die in vieler Hinsicht maßlos geworden ist und ihre Grenzen verloren zu haben scheint. Der Mensch lebt sich häufig in ungesunder Weise hemmungslos in Wohlstand und Luxus aus. Nicht selten fallen gerade jüngere Menschen in ihrer Haltlosigkeit Süchten anheim. Ebenso ist der Mensch begriffen, im Bereich der Forschung und Wissenschaft die Grenzen zu überschreiten. Im Umgang mit der Schöpfung hat er das rechte Maß längst verloren.

Einseitiges und extremes Verhalten treffen wir nicht nur in der weltlichen Gesellschaft an. Auch in der Kirche beobachten wir einseitige fundamentalistische oder modernistische Tendenzen und stellen die Flucht in naive Privatoffenbarungen oder in perverse religiöse Erfahrungen fest.

Benedikt ist ein Meister des rechten Maßes im Leben. Der Geist seiner Regel ist durchtränkt von maßvollen Anweisungen und einer gesunden Mitte. Extreme Forderungen sind ihm unbekannt. Dies gilt nicht nur für Bestimmungen, die den täglichen Ablauf der Gemeinschaft regeln. Die Weisheit des Maßes liegt ebenso in der Festlegung der Gebetszeiten und in der Konzentration auf das Wesentliche im religiösen Leben, d.h. in der klaren Ausrichtung auf Christus. Benedikt weiß um die Grenzen des Menschen, um seine Abgründe und seine Hinfälligkeit. Aus diesem Wissen heraus versucht er ihn mit Klugheit und tiefer Menschenkenntnis zur inneren Reife und eigentlichen Würde zu führen, die allein in Gott gründet.

Die Weisungen Benedikts lehren uns, der Wirklichkeit in allen Höhen und Tiefen des Lebens klar ins Auge zu schauen und darauf mit Bedacht und Umsicht aus der Kraft des Glaubens zu reagieren. Wie wohltuend ist es, sich in einer so unausgeglichenen Zeit auf die benediktinische Lebensweise einzulassen, die sich in ihrer maßvollen Ordnung und in ihrer Konzentration auf das Wesen und die Mitte der christlichen Offenbarung in über eineinhalb Jahrtausenden bewährt hat. Sie weckt Vertrauen und schenkt Geborgenheit.

In jeder Hochkultur standen Glaube und Arbeit als die beiden Grundpfeiler menschlichen Lebens dem Volk ins Herz geschrieben. Erst in der Moderne wurde der Glaube mit Freizeit ersetzt. Nicht ersetzt wurden allerdings die ordnenden Maßstäbe für die Arbeit, die bislang aus dem Glauben flossen. Im benediktinischen "ora et labora" treffen wir also auf die klassische Urform menschlicher Lebensverwirklichung. Wo die Verarbeitung des Lebens in seiner tagtäglichen Herausforderung im Kloster, in der Familie, im Beruf aus dem Gebet geschieht, werden sich die rechten Maßstäbe ergeben und angelegt werden können. Nur im Gebet erschließen wir die Quellen der Verantwortung und der Aufrichtigkeit, der Einsicht und der Liebe.

Um diesen inneren Vollzug zum bewussten täglichen Zusammenspiel werden zu lassen, binden sich Oblaten an den Geist und die Regel des hl. Benedikt und können so auf festem Fundament einem unsteten Zeitgeist widerstehen.


2. Von der Gnade einer Glaubensgemeinschaft angesichts einer hilflosen Vereinzelung

Dem hl. Benedikt war es ein weiteres, ernstes Anliegen, in seiner Zeit das Mönchsleben in Gemeinschaften zu ordnen. Mönche sollten nicht herumziehende, religiöse Vagabunden sein, sondern sich in Gemeinschaften sammeln und zwischen den Gebetszeiten mit ihrer Hände Arbeit den Lebensunterhalt selbst erwirtschaften. So war es für Benedikt eine große Herausforderung, Herz und Geist der Mönche nicht nur fest in Gott zu verankern, sondern sie auch zu einer tiefen brüderlichen Liebe zu führen. Bei der Vielzahl der Mönche auf engem Raum, bedurfte dies einer hervorragenden Menschenkenntnis und einer eigenen tiefen persönlichen Liebe zu den Brüdern. Die Anweisungen an den Abt, besonders in den Kapiteln 2 und 27 der Regel und das Kapitel 72 "Über den guten Eifer der Mönche", in dem das gemeinschaftliche Leben der Mönche nochmals zusammengefasst wird, zeugen bis heute von seiner hohen Kunst der Menschenführung. So gelingt es Benedikt, die Mönche zu einer klösterlichen Familie zusammenzuführen.

In unserer Gesellschaft wahres Christentum leben zu wollen, heißt sehr häufig, sich allein auf den Weg machen und mit seiner christlichen Haltung vereinzelt leben zu müssen. Oft ist es auch schwer, allein mitten in einer sehr veräußerlichten Gesellschaft und bei manchen kirchlichen Mangelerscheinungen ein intensiveres Glaubensleben zu vollziehen und christliche Wahrheiten und Werte tiefer zu erschließen. Wir beobachten schließlich eine gewisse Gemeinschaftsunfähigkeit in unserer Gesellschaft. Die Menschen halten es nicht mehr beieinander aus: Jugendliche nicht bei den Eltern, Erwachsene nicht mit den Alten und Partner nicht mehr miteinander. Die Folge ist nicht selten, dass es der Mensch auch bei sich selbst nicht mehr aushält. Statt Gemeinschaft sucht er dann die Masse und unverbindliche Beziehungen, denn sie binden und verpflichten nicht, sie bieten Abwechslung und sind immer austauschbar. Zurück bleiben Vereinsamung und Angst, die sich in den tieferen Schichten der Seele ansammeln, in denen der Mensch die Sehnsucht nach Frieden und Harmonie spürt, in denen sich die Sinnfrage des Lebens anmeldet, in denen sich die Gottesfrage entscheidet. Krankhafte Egozentrik und ein rechthaberischer Subjektivismus, seelische Verarmung und psychische Schäden sind häufig die Folgen dieser Vereinsamung und Vereinzelung.

Benediktinisches Mönchsleben, in dem der Glaube sich in einer engen Gemeinschaft vollzieht und zugleich bewähren muß, kann darum in unserer Zeit eine helfende und heilende Funktion ausüben. Der Geist der Benediktusregel lädt den Menschen zur Glaubensgemeinschaft ein. Glaubenserfahrung und Glaubensweg werden zu einem gemeinsamen Anliegen und einer gegenseitigen Aufgabe. Das Miteinander und Füreinander vollziehen sich aus der Achtung der Würde des Menschen, die ihm von Gott geschenkt ist. Diese Würde gilt es, bei sich und dem Anderen zu entfalten. Das ist der tiefste Grund der brüderlichen Achtung und Liebe, der gegenseitigen Annahme und Hilfe und der ständigen Versöhnungsbereitschaft. Der Oblate, der sich einem benediktinischen Kloster anschließt und in dessen Oblatengemeinschaft geschwisterliches Miteinander erfährt, wird nach Möglichkeit immer wieder das Chorgebet der Mönche aufsuchen, um mit ihnen eine lebendige Gebetsgemeinschaft zu erfahren, um im Rhythmus des Chorgebetes in der Tiefe der Seele wieder zur Ruhe und Harmonie zu finden.

Zuhause wird der Oblate aus dieser Erfahrung das Psalmengebet schätzen und lieben lernen und wissen dass er in Verbundenheit mit der klösterlichen Gemeinschaft sich auch in das Gebet für die gesamte Kirche und die ganze Welt einbringt. Er weiß sich eingebunden in eine tiefe und zugleich weltweite Gebetsgemeinschaft. Im regelmäßigen Gebet findet er zu seiner eigenen Würde und Berufung. Vor Gott, dem Vater aller Menschen, wird ihm das Bruder- und Schwestersein in Christus zum ständig neuen und auch verbindlichen Auftrag. Das Wort Gottes und die Kraft des Gebetes lassen ihn dieser harten Herausforderung in der Familie und in der Pfarrei, am Arbeitsplatz und beim Bekanntenkreis nachkommen.

In den gemeinsamen Tagen der Exerzitien, der Einkehrtage oder bei anderen Veranstaltungen wird der Oblate tiefer in den Geist einer benediktinischen Gemeinschaft eingeführt. Er hat sich durch die Oblation für sein ganzes Leben dem Kloster seiner Wahl angeschlossen und erfährt die Oblatengemeinschaft als ein glaubendes und menschliches Miteinander. Gemeinsames Leben, das im Glauben gründet, bindet untereinander tief und fest. Das Sichaushalten und -ertragen im Glauben, die gegenseitige Hilfe und menschliche Konfliktbewältigung macht den Menschen stabil. Die bekannte benediktinische Stabilitas verlangt nicht nur das Verbleiben an einem Ort, sondern meint vor allem die Stärke, Festigkeit und Geradlinigkeit, die dem Eingebundensein in eine Glaubensgemeinschaft erwachsen.

Benedikt sagt seinen Schülern im Prolog der Regel:

"Der Weg des Heiles kann am Anfang nicht anders als hart sein. Wer aber im klösterlichen Leben fortschreitet, dem wird das Herz weit, er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes."

An dieser beglückenden Lebenserfahrung will und muss jede klösterliche Gemeinschaft teilhaben lassen. Das Oblatentum ist ein besonderer Weg dieser Teilhabe. Doch sind alle Menschen eingeladen, die Stätten, wo gemeinsam Gott gesucht wird, wie Benedikt den Weg des Mönches beschreibt, aufzusuchen und sich von der geistigen Haltung dieses großen Ordensvaters beschenken zu lassen.

P. Claudius Bals OSB


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